interview hier zufällig ausgewählt. systematisch kann auf die interviews über studierende oder lehrende zugegeriffen werden

interviewer:
Simone Kaempf






Gisela Kasten
1.) wie würden sie jemand anderem ihren job erklären?
Ich arbeite an der Beziehung von Menschen zu Dingen oder zu räumlich-gegenständlichen Konstellationen, und zwar in Kooperation mit Gestaltern. Mit meiner Ausbildung als Psychologin bin ich in einer solchen Kooperation fachlich zuständig für die Menschseite in dieser Beziehung, und die Designer sind mehr kompetent für alle Arten des Entwerfens. Wobei Entwerfen auch Möglichkeitsstudien beinhalten kann. Modelle können virtuelle Modelle sein oder tatsächliche 3D-Modelle - alle Arten von Simulationen möglicher Problemlösungen in Modellen also.

2.) wann und warum wurden sie ans ID4 berufen?
Nick hatte nach seiner Lehrtätigkeit in den USA noch nicht sehr lange sein Gestaltungsbüro in Ulm. 1968 stand als große Aufgabe die Außen-Ausstattung der Olympiade in München an, für die er einen jungen Soziologen und mich als Psychologin dazuholte. Erstmal war ich darüber erstaunt, weil ich über das Thema garnichts wusste. Bis mir in den ersten Gesprächen langsam aufging, dass es um Projektionen geht: wie werden sich Menschen auf dem Olympiagelände bewegen, was werden sie dort tun können, was wünscht man sich an Versorgung usw. Das Projekt entwickelte sich schnell in einen Bereich, in eine Ausrichtung der Psychologie in das Leben hinein, die ich mir als Beruf vorstellen konnte. Das hat sich dann im Lauf von fünf Jahren verfestigt, bis Nick 1973 seinen ersten Auftritt in Berlin hatte und ich dort in das Riesenprojekt involviert wurde, eine gute Designausbildung auf die Beine zu stellen, die im Mensch-Gegenstand-Geflecht eine bessere Lebensqualität als Ziel sieht. Roericht hatte ja schon an der Ulmer HfG erfahren, dass jede Wissenschaft, die irgendwie dazu beitragen kann, richtig und wichtig ist. Deshalb war ich dann mit meiner Ausrichtung auf jeden Fall mitgefragt.

3.) welche aufgaben haben sie dort übernommen?
Ich war Lehrbeauftragte, aber nicht nur. An der Gesamtdidaktik habe ich immer gerne mitgearbeitet und im Laufe der Zeit auch meine speziellen fachlichen Teile deutlicher entwickelt. Für mich wurde immer wichtiger, was ich die anschaulichen Methoden nenne. Ich hatte einfach gemerkt, dass nicht nur verbales, sondern von vorneherein bildhaftes Beschreiben und Sammeln zu erweiterten Ergebnissen führt, wenn es um die Umsetzung in eine sichtbare Gestalt geht. Diese anschaulichen Methoden hab ich versucht, im Projektverlauf an bestimmten Stellen auszubauen. Entweder beim Einstieg in ein neues Projekt eine Woche lang vergleichend beobachten und das jeweils Typische von solchen vergleichbaren Situationen herausarbeiten. Oder im fortgeschrittenen Stadium die Materialfülle nochmal ausbreiten, neue Schwerpunkte bilden, zu großen Zusammenhängen kommen, verschiedene Wege oder Hierarchien finden. Dieses "Mapping" ist für Gestalter auch deswegen so relevant, weil man sich in dem Medium bewegt, in dem man nachher auch handelt. Ich habe dann erst später entdeckt, dass der Psychologe Arnheim das schon ähnlich formuliert hatte. Im Grunde wurde das auch Jahrzehnte später von der Diskussion über rechte und linke Gehirnhälfte wieder aufgegriffen mit der Erkenntnis, dass ein Teil des Denkens in Bildern oder Tönen liegt. Und nicht wie früher, als man sagte, das kam aus Intuition oder aus dem Bauch heraus. In den 90er Jahren habe ich dann immer mehr und sehr gerne mit Inge Sommer zusammengearbeitet, deren Entwurfsschwerpunkt "Wandelnde Lebenswelten" gut zu meiner Arbeitsweise passte. Über alle Jahre hatte ich, das denke ich zumindest, eine eigene Betrachtungsweise auf verschiedene Situationen am ID4 und auch ein Stückchen Übersetzerfunktion - genährt aus dem Wunsch, verstehen zu wollen und verständlich machen zu wollen.

4.) was fällt ihnen zu der zeit und den umständen spontan ein?
70er: Der Anfang war natürlich eine ganz besondere Zeit, in der man alles, jede wissenschaftliche Disziplin, und dann eben auch die gestalterischen Disziplinen neu auf die Füße gestellt hat. Und zwar auf den Boden der dialektisch-materialistischen Theorie oder auf jeden Fall von Theorien, die alles, was man tut, mit einer gesellschaftlichen Relevanz verknüpft hat. Und das war ja nun etwas, was wiederum Roericht aus seiner HfG-Schule auch schon kannte: Dass, wenn man in einen gesellschaftlichen Kontext hineinarbeitet, auch immer in einen sozialen Kontext hineinarbeitet. Bis Ende der 70er dauerte diese Zeit der Arbeitsplatzprojekte und neuen Fundierungen, was und wo Gestaltung etwas bewirken könnte. 80er: Inzwischen hatte sich die Konsum- und Gegenstandswelt weiter entwickelt. Die Dinge sollten jetzt nicht mehr nur möglichst haltbar, sinnvoll, nützlich und ästhetisch sein, sondern auch sehr individuell und sehr persönlich. Konsumgegenstände nahmen jetzt plötzlich am gesellschaftlichen Leben teil. Dieses Mitspielen wurde in den 80er Jahren offensiv in den Mittelpunkt gestellt. Dadurch wurde natürlich auch die Ausdrucksfähigkeit der Dinge und deren ganzer symbolische Impact erzählt. Um Serienfähigkeit ging es überhaupt nicht. Deshalb wurde jeder studentischer Entwurf sofort ausgestellt. Und die Frage, ob das nun jemand herstellen will, oder ob das nun gleich 100 Leute haben wollen, kam erst viel, viel später. Didaktisch erfuhren wir in dem Zusammenhang eine neue Erkenntnis: Man kann nicht jede Studienaufgabe durch den ganzen Designprozess arbeiten, sondern muss Schwerpunkte setzen - in einem Projekt kommt also hauptsächlich das Beobachten und das Hypothesen-Formulieren. Ein anderes Projekt startet gleich mit einer Hypothese und wird sofort in erste Modelle umgesetzt. Und im nächsten Projekt hat man schon das Designkonzept und gestaltet eine Sache so richtig gut durch. 90er: Im Laufe der 90er Jahre folgte ein weiterer Einschnitt. Wir stellten fest, dass man die Gestalter, die man bisher brauchte, so nicht mehr braucht. Die Designkompetenz von außen war nicht mehr klar formuliert. Das war das Stichwort vom Objekt- zum Subjekt-Studium mit der Motivation der Studenten, sich auch nachher den Beruf selbst zu gestalten.

5.) besonderheiten der studenten-generation, mit der sie zu tun hatten?
Auf die politischen Studenten der 70er folgte in den 80er Jahren eine Generation, die, ich würde fast sagen, das Design-Studium erst mal neu erfunden hat. Die haben ganz klar gesagt, dass bei aller Funktionsbestimmung die Gestaltung viel zu kurz kommt. Die legten ihr Studium von vornherein in die Werkstätten, kamen auch immer wie die Arbeiter morgens um neun und gingen abends und wollten alles, was theoretisch besprochen wurde, in Gegenständlichkeit umsetzen. Dann, im Zuge der 90er setzte bei den Studenten die Computerei ein, und es herrschte ein Gefühl der Selbstbestimmung in Richtung "Ich könnte ja mal das versuchen" oder "Ich könnte mir mal das ausdenken". Wir wählten dafür den Titel "Neue Ökonomien": wie kann ich etwas verkaufen oder tun, was nicht im engsten Sinne zum Design gehört, was aber sehr viel Handlungsfähigkeit und ein Stück Umsetzungsfähigkeit erfordert.

6.) übereinstimmungen / inspirationen / reibungen an nick roerichts positionen?
Da waren natürlich diese Zündungen, diese Inspiration, die großenteils daher kam, dass er immer wieder alles ganz neu machen wollte. Diese Visionen hat er immer wieder mit viel Engagement versucht, einer kleineren oder wechselhaften Runde verständlich zu machen; das gehört auch dazu, dass er das sehr intensiv kommuniziert hat. Die Inspiration habe ich immer genannt: die Leuchtkugel vorauswerfen. Das, was da noch vage beleuchtet wird, musste im nächsten Schritt genauer beschrieben werden: Wege dorthin, Inhalte, Bedeutungen. Das war viel Arbeit für alle, für mich persönlich aber auch Reifung. Manchmal habe ich gedacht: "Was? Jetzt alles andere wegwerfen?" Etwas, was ich zum Beispiel nicht gut kann, und plötzlich habe ich dann auch wieder die Verbindung zum Alten gesehen.

7.) was würden sie im nachhinein, angenommen die zeitreise wäre bei gleicher ausgangslage möglich, anders machen?
Anders machen beziehe ich mehr auf das Hochschulumfeld. Ich hätte unbedingt einen Grundkurs in Bürokratie gebraucht. Es ging ja um die gute Ausbildung der Studierenden, aber man musste lernen, dass Bürokratie ein System ist, das total anders funktioniert. Das fand ich manchmal wirklich heavy.

8.) wie hat sich, seit sie lehren, das verhältnis des entwerfers zum handwerkzeug verändert?
Die Beziehung zwischen Menschen und Dingen sieht man heute in einem komplexeren kulturellen Kontext. Auf keinen Fall als eine isolierte, einfach herausnehmbare Geschichte, das ist zumindest in unserem Fachbereich ganz selbstverständlich geworden. Diese Beziehung hat sich wirklich entschieden erweitert. Auf der Umsetzungsseite spielen die digitalen Medien eine wichtigere Rolle. Die Neugierde und das Interesse von Gestaltern lag traditionell schon immer darin, sich neue Werkzeuge anzueignen. Aber ich glaube, das Experimentieren mit der Hand lässt sich durch keine technische Wahnsinnsmöglichkeit ersetzen. Nicht nur ein finales Modell zu bauen, sondern fünfzig auf dem Weg zum finalen Ergebnis - das bedeutet, etwas zu erproben und zu erfinden.

9.) sehen sie die disziplin design mittlerweile übergehen, mutieren, sich entwickeln in andere formen und ausrichtungen?
Bonsiepe hat mal gesagt: selbst, wenn das klassische Design untergeht, er wünscht jedem Wissenschaftler mindestens zwei Semester in den Methoden, die die Designer haben. Was er damit meint ist, dass man Methoden hat, die sich zwischen Entwerfen, Umsetzen und in die Tat-umsetzen bewegen. Heißt, dass man nicht, bevor man etwas ausprobiert, immer schon meint, man könnte alles schon im Kopf vorvollziehen. Vieles muss man erst einmal ins Leben bringen oder zumindest in einen Modellversuch, und während des Experiments dazulernen. Wohin immer sich die Disziplin entwickelt, ihre Methoden bleiben einmalig.

10.) knüpfen sie hoffnungen oder befürchtungen daran?
Ich finde, das macht die Beweglichkeit des Denkens aus. Dass man im besten Sinne spielerisch mit Hypothesen und Voraussetzungen umgehen kann.

11.) was kann man tun, um designer nicht nur für heute, sondern für die nächsten jahrzehnte ihres berufslebens auszubilden?
Man möchte natürlich, dass der ausgebildete Designer auch eine Aufgabe findet, für die ihn jemand bezahlt. Da wage ich keine Voraussagen für die Zukunft. Andreas Brandolini hat es einmal so formuliert, dass jede Generation das Recht hat, etwas in die Welt zu setzen und zu gestalten. Gesellschaftliche Veränderungen gibt es andauernd, so dass ich denke, das Gestalten lernen ist in jeder Generation sinnvoll. Unbedingt. Und je qualifizierter, desto eher kommen das Denkbare und das Wünschbare zueinander. Dieser Entwicklungs- und Lernraum bildet im besten Sinne die Ausbildung, die dazu befähigt, Aufgaben ins Verhältnis zu setzen zu den eignen Weltbildern, Vorstellungen von Lebensqualität oder Zusammenleben und so weiter.

12.) worauf könnten sie leicht verzichten?
Intrigen. Und wenn man sich nicht an dem orientiert, worum es im beruflichen Umfeld geht. Gleichzeitig muss ich sagen, dass ich eigentlich immer in Teams und Kooperationen war, wo man wirklich gut an einer gemeinsamen Sache gearbeitet hat.